- Elias
Internationaler Frauentag

Am 8. März 1975 richtete die UN im Rahmen des internationalen Jahres der Frau das erste Fest aus. 1977 forderte die UN-Generalversammlung mit einer Resolution alle Staaten dazu auf, einen Tag im Jahr zum „Tag für die Rechte der Frau und den Weltfrieden“ zu erklären.
Jedes Jahr wird länderübergreifend unterschiedliche Themen behandelt. Die Themenauswahl ist groß, denn nach wie vor sind Frauen auf der ganzen Welt in vielen Lebensbereichen benachteiligt.
Brauchen wir einen solchen Tag heutzutage überhaupt noch?
Auch heute verdienen Frauen in einigen Berufen weniger als Männer. Laut Nationalrätin Maya Graf, Co-Präsidentin alliance F – die politische Lobby-Organisation für die Gleichstellung von Frau und Mann in Wirtschaft, Beruf, Familie und Gesellschaft – steigen junge Frauen mit acht Prozent weniger Lohn in den Arbeitsprozess ein. Im privaten Bereich übernehmen sie meistens die Hausarbeit und Kindererziehung. Im beruflichen Bereich sind Frauen in Führungspositionen noch immer rar. Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist oftmals ein Karrierehindernis.
Bei meiner Recherche stiess ich auf einen Text von swissinfo.ch aus dem Jahr 2020.
"Ist Ihr Mann einverstanden, dass Sie auf Geschäftsreisen gehen werden?", fragt ein Mann eine Bewerberin an einem Vorstellungsgespräch für einen Job. Diesen kleinen Satz, der in der Umfrage von Plan International Schweiz aufgezeichnet wurde, hat die 37-jährige Direktorin des Mädchenhilfswerks, Suba Umathevan, in ihrer Berufslaufbahn auch schon gehört.
"Gleichheit beginnt mit der Sprache", sagt Umathevan. Sie ist sri-lankischer Herkunft und kam im Alter von zwei Jahren als Flüchtling in die Schweiz. "Als Frau und als Migrantin werde ich doppelt diskriminiert", sagt sie. Sie ist nicht die Einzige, die unter dieser Art von sexistischem Gerede oder anderer geschlechtsspezifischer Diskriminierung leidet, wie der von Plan International Schweiz veröffentlichte Bericht zeigt.
42% der Frauen im Alter von 24 bis 40 Jahren fühlen sich am Arbeitsplatz diskriminiert, wie die Umfrage zeigt. Und je mehr Arbeitserfahrung sie sammeln, desto pessimistischer sind sie in Bezug auf die Gleichstellung. 36% der befragten 14- bis 17-jährigen Mädchen sind optimistisch, was die Gleichstellung betrifft, während diese Zahl in der Altersgruppe der 18- bis 24-Jährigen auf 23% sinkt.
Sie stossen an die gläserne Decke
"Die Teilnehmerinnen der Studie sprechen vor allem über Lohnunterschiede und fehlende Aufstiegsmöglichkeiten", sagt Umathevan. Ihre Aussagen bestätigen die Realität der Schweizer Arbeitswelt.
Frauen verdienen nach wie vor 14,8% weniger als Männer. Während am Anfang der Karriere der Anteil der Frauen jenem der Männer entspricht, nimmt er ab, sobald es um Führungspositionen geht. Auf der untersten Managementstufe sind 38% Frauen, bei den höchsten Positionen sinkt ihr Anteil gemäss Advance & HSG Gender Intelligence Report 2019Externer Link auf 18%.
Der Grund dafür ist nicht ein mangelndes Selbstvertrauen, das Frauen vor verantwortungsvollen Positionen zurückschrecken lässt: 70% der Frauen geben an, dass sie an ihre Führungsqualitäten glauben, so der Bericht von Plan International Schweiz. Man kann den Männern auch nicht vorwerfen, dass sie keine Hausarbeit übernehmen wollen, da fast sechs von zehn Männern Interesse an der Übernahme von Hausarbeiten und der Betreuung von Kindern zeigen.
"Es handelt sich um ein institutionelles Problem, das durch kulturelle und gesellschaftliche Erwartungen verursacht wird", sagt die Direktorin der Organisation. Eine Analyse, die durch den Bericht bestätigt wird, denn sowohl Mädchen als auch Jungen machen Stereotype für die Aufrechterhaltung von Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern verantwortlich. Die traditionellen Muster der Rollenverteilung halten sich hartnäckig.
Den Teufelskreis der Ungleichheit durchbrechen
Um die Mentalitäten zu ändern, muss man beim gleichen Lohn beginnen. Unabhängig von Alter und Geschlecht ist die Mehrheit der Befragten der Meinung, dass die Gleichstellung durch gleiche Bezahlung und gleiche Beschäftigungschancen erreicht werden muss.
Dies würde den Teufelskreis der Ungleichheit am Arbeitsplatz durchbrechen: Weil Männer mehr Geld verdienen, sind es zurzeit die Mütter, die ihr Pensum nach der Geburt eines Kindes reduzieren, während Männer weiter die Karriereleiter hochsteigen.
Im internationalen Vergleich hat die Schweiz noch einen langen Weg vor sich, um Ungleichheiten zu beseitigen. Im Jahr 2018 belegte die Schweiz im The Economist's Glass Ceiling IndexExterner Link den 26. Platz in Bezug auf die Gleichstellung der Geschlechter auf dem Arbeitsmarkt, hinter den meisten anderen Mitgliedsländern der OECD- (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung). Die Schweiz schnitt in fast allen Aspekten der Arbeitsmarktbeteiligung schlecht ab.
Das fünfte Ziel der Vereinten Nationen für nachhaltige Entwicklung zielt auf die Gleichstellung der Geschlechter bis 2030 ab. "Eine unrealistische Frist für die Schweiz", kommentiert Umathevan. Auch für andere Staaten wird es nach dem Global Gender Gap Index 2020Externer Link fast 100 Jahre dauern, bis die Geschlechterparität bei der derzeitigen Geschwindigkeit des Fortschritts erreicht ist.
Trotz allem optimistisch
Warum sind junge Frauen also so optimistisch? "Es ist fehlender Realismus", antwortet die Direktorin von Plan International Schweiz. Man kann auch eine optimistischere Schlussfolgerung ziehen: Mädchen fühlen sich im Schweizer Bildungssystem gleichbehandelt, sagt Umathevan.
Ihrer Organisation zufolge braucht es Bemühungen von allen – Arbeitgeber, Regierung, Bildungsbehörden und Medien –, um die Position der Frauen auf dem Arbeitsmarkt zu verbessern.
Ihr sieht also, es braucht den Internationalen Weltfrauentag noch. Wir haben noch viel zu tun, bis wir über eine Gleichberechtigte Welt sprechen können.
Habt ihr als Frau* schon Diskriminierung erlebt und habt das Bedürfnis darüber zu sprechen?
Unser Team von Jugendsozialarbeiter*innen sind für euch da. Meldet euch bei uns.