Konzept: Offene Kinder- & Jugendarbeit mit Schwerpunkt LGBTIAQ+

Gender- & sexuelle Identität, geschlechtliches Erscheinungsbild, biologische Geschlechtlichkeit & sexueller Orientierung, gendersensibel.

des sozialwerk.LGBT+ Version 2 Stand: 6. Mai 2021



Preamble

Dies Konzept ist ein lebendiges Dokument. Daher wird es ständig aktualisiert. Dennoch können Ab-weichungen zwischen Konzept und Praxis möglich sein. Abweichungen in der Praxis sind immer wie-der auf Notwendigkeit zu prüfen und wenn eine Notwendigkeit besteht, muss dies Konzept daran an-gepasst werden! Diesem Dokument geht das Grundlagenpapier zur Offenen Kinder- und Jugendarbeit[1] des DOJ (Dachverband der offenen Kinder und Jugendarbeit Schweiz) voran. Daher hält sich der Aufbau dieses Konzepts ebenfalls an das Grundlagenpapier des DOJ.

Inhaltsverzeichnis

Preamble Inhaltsverzeichnis Begriffserklärungen 1. Ausgangssituation 2. Ziele 3. Zielgruppen 4. Tätigkeitsbereiche 5. LGBTIAQ+ Jugendangebote 6. Angebote für andere Zielgruppen 7. Rahmenbedingungen 8. Qualität & Evaluation


Begriffserklärungen

Kinder

sind junge Menschen unter 13 Jahren.

Jugendliche

sind junge Menschen ab 13 Jahren bis 27 Jahren. Ab 18 Jahren sind Jugendliche zwar rechtlich Erwachsene, oft ist die Phase des Erwachsenwerdens aber nicht abgeschlossen. Daher brauchen junge Menschen zwischen 18 und 27 Jahren ebenfalls Angebote, in denen sie zu vollwertigen, entscheidungsfähigen und unabhängigen Individuen heranreifen können.


Genderidentität

Die Genderidentität ist Teil des Selbsterlebens eines Menschen und damit Teil seiner Identität, in die auch andere Rollen, mit denen sich eine Person identifiziert, eingehen. Damit drückt sie sich „auch im Geschlechtsrollenverhalten aus, also in all dem, was jemand tut oder lässt, um zu zeigen, dass er sich als Mann, als Frau, oder ‚irgendwie dazwischen‘ empfindet.“ Die Geschlechtsidentität ist eine „evolutionär sehr junge, spezifisch menschliche, hochkomplexe Eigenschaft


biologischer Geschlechtlichkeit

Bei der Geburt wird uns ein Geschlecht zu geschrieben. Dieses Geschlechtwird oftmals nur anhand der äusserlichen Geschlechtsmerkmale festgelegt oder wird auf die Geschlechtschromosomen zurückgeführt.


geschlechtliches Erscheinungsbild

Das geschlechtliche Erscheinungsbild ist unabhängig von der biologischen Geschlechtlichkeit und der Genderidentität. Sie ist abhängig von davon wie andere Menschen das Erscheinungsbild wahrnehmen: z.B. Personen, welche einen Bart tragen, Hosen anhaben und ihre Harre kurztragen, können schnell als männlich kategorisiert werden, müssen sich aber selber nicht als männlich empfinden und müssen keinen Penis und Hoden haben.


sexuelle Identität

Die eigene sexuelle Identität wird nur vom Individuum selbst formuliert. Da-bei kann das Verhalten von der Identität abweichen: z.B. definieren sich viel Männer, welche gelegentlich Sex mit Männern haben als heterosexuell - für sie kommt nur eine Partnerschaft mit einer Frau in Frage.


sexuelle Orientierung

ist die Orientierung, welche den Ausschlag gibt, zu was für Menschen wir uns hingezogen fühlen. Eine Frau, die sich sexuell ausschliesslich zu Frauen hingezogen fühlt, hat vermutlich eine homosexuelle Orientierung. Ein Mann, der sich sexuell ausschliesslich zu Frauen hingezogen fühlt, hat vermutlich eine heterosexuelle Orientierung. Es ist zu beachten, dass die Übergänge zwischen den sexuellen Orientierungen sehr fliessend sind, die sexuelle Orientierung nur vom Individuum selber benannt werden kann und sich auch mit der Zeit verändern kann.


LGBT, LGBTIAQ, LGBTIA-Queer

Hierbei handelt es sich um ein Kürzel. L steht für Lesbe oder lesbisch, Gsteht für Gay, Schwuler bzw. schwul, B steht für bisexuelle Menschen, T steht für Transgender oder trans, I steht für Intergeschlechtlich oder inter, Q steht für queer oder questioning. Queer ist ein Sammelbegriff für Homo-, Bi- und Pansexuell, Asexuell, Intergeschlechtlich und Transgender. Queer ist als Sammelbegriff aber nicht abschliessend. Questioning bedeutet so viel wie – ich weiss es noch nicht oder wieso spielt mein Geschlechtsidentität oder meine sexuelle Identität eine Rolle. Im Deutschsprachigen Raum sind auch noch weitere, ähnliche Abkürzungen bekannt wie LSBT. Hier steht das S wieder für schwul oder Schwuler. Ebenfalls wird oft in diese Abkürzungen noch das A für asexuell oder amourös.


* (Sternchen), + (Pluszeichen), : (Doppelpunkt) oder _ (Unterstrich)

Das Gendersternchen, Genderplus, Genderdoppelpunkt oder der Gendergap wollen die Vielfallt von Gendern, Geschlecht und Identität umfassen. z.B. mit Gäst*innen sollen nicht nur männliche und weibliche Personen angesprochen werden, sondern auch Personen, die zwischen diesen Ge-schlechtern oder befinden. Steht das Sternchen oder das Plus am Ende von LGBT / LGBTIAQ etc. wird damit zum Ausdruck gebracht, dass diese Abkürzung nicht alle Möglichkeiten beinhalten und somit für noch mehr stehen kann.


heteronormativ

bedeutet, dass die Menschen in der Lebenswelt der Jugendlichen meistens heterosexuell sind. Es ist auch ein Hinweis auf das Fehlen von alternativen Rollenbildern & Vorbildern.


queernormativ

Ein queernormativer Raum ist ein Ort an dem queersein zur Norm gehört und nicht erklärt oder begründet werden muss.


zweigeschlechtlich oder binärgeschlechtlich

bedeutet, dass in unserer Welt fast alles auf die Geschlechter Frau (weiblich) und Mann (männlich) ausgelegt ist. Dahingegen geht das sozialwerk.LGBT+ davon aus, dass es noch mehr Geschlechter dazwischen und darüber hinaus gibt (Transgender, Intergeschlechtliche, Non-Binäre, etc.).


Cis oder Cis-Frau / Cis-Mann

Die Vorsilbe «Cis» bedeutet, dass bei dieser Person die Geschlechtsmerk-male mit der Geschlechteridentität übereinstimmen: z.B. eine Frau, die mit dem weiblichen Geschlecht geboren wurde und deren Geschlechtsidentität ebenfalls weiblich ist, ist eine Cis-Frau.


Beratung

In der Sozialen Arbeit ist Beratung ein sehr stark umrissener Begriff. Zu Be-ratung gehört ein spezielles Setting, welches sich in der offenen Kinder- & Jugendarbeit kaum oder selten verwirklichen lässt. Dennoch finden in der Kinder- & Jugendarbeit Gespräche statt, die inhaltlich einer Beratung sehr nahekommen.


Niederschwelligkeit

Fachbegriff der Sozialen Arbeit. Verkürzt erklärt bedeutet Niederschwellig-keit, so wenig Hürden wie möglich – so niedrig wie möglich. Niederschwellig ist das Gegenteil von hochschwellig. Ein Beispiel: der Polizist, der auf der Strasse patrouilliert ist, einfacher für die Passanten anzusprechen (nieder-schwelliger) als der Polizeiposten, dessen Adresse die Passanten noch nachschlagen müssen und danach aufsuchen. In der sozialen Arbeit ist es Ziel, Angebote so niederschwellig wie möglich zu gestalten.


Prävention

Prävention bedeutet jemanden vor etwas beschützen. In den letzten Jahren ist Prävention jedoch zum Schlagwort für viele Angebote geworden. Wir verwenden bewusst den Präventionsbegriff nicht, denn wir gehen davon aus, dass auch ohne Prävention Menschen vernünftige Entscheidungen treffen können. Wir beugen nicht vor, sondern wir bilden, informieren und besprechen. Dies wirkt auch präventiv und ist oft ein Teil von Prävention – geht jedoch mit einer positiveren Grundhaltung der Entwicklung von Menschen einher.


1. Ausgangssituation

1.1 Auslegeordnung

Die Schweiz hat seit 1997 die UN-Kinderrechtskonvention (Übereinkunft über die Rechte des Kindes) unterzeichnet. Die Kinderrechtskonvention verpflichtet die unterzeichnenden Staaten, die Rechte von Kindern (und Jugendlichen) zu schützen. Diese Rechte beziehen sich ausdrücklich auf Freiheit der eigenen Identität, Schutz vor Diskriminierung, Recht auf Meinungs- und Informationsfreiheit, den Schutz vor Gewalt und Misshandlung, soziale Sicherheit, Bildung, Schutz von Minderheiten und Schutz vor sexuellen Missbrauch.[2] LGBTIAQ-Kindern und -Jugendlichen stehen diese Rechte ge-nauso zu wie allen anderen Kindern- und Jugendlichen in der Schweiz[3] [4]. In der gesamten Schweiz sind Jugendangebote für queere Jugendliche kaum verbreitet. Dabei gibt es immer wieder Jugendliche und junge Erwachsene, die für sich selber Angebote kreieren. So gibt es zum Beispiel die Milchjugend (queere Jugendorganisation). Jedoch ist kein Angebot professionalisiert oder wird von Profis begleitet. Somit sind die Jugendangebote auch sehr abhängig von den Personen, welche sich engagieren. Die Ausnahme bildet lediglich «Du bist Du», eine LGBTIAQ-Peer-to-Peer Be-ratungsstelle für Jugendliche in Zürich (Angebot der SeGZ – Sexuelle Gesundheit Zürich). Das sozialwerk.LGBT+ möchte diesen Umstand ändern und will das LGBTIAG+ Jugendangebote sich flächendeckend verbreiten und von ausgebildeten Fachpersonen begleitet werden.


1.2 Warum bedarf es Jugendangebote für LGBTIAQ+ Jugendliche?

Heute aufwachsende Jugendliche leben in einer heteronormativen, zweigeschlechtlichen Welt. Be-ziehung und Vorbilder sind heterosexuell gefärbt und für LGBTIAQ+ Jugendliche fehlt es somit an Rollenvorbildern. Dies führt dazu, das LGBTIAQ+ Jugendliche ein gesteigertes Suizidrisiko haben - drei bis sechs Mal höher als bei heterosexuellen Cis-Jugendlichen. Ferner fehlen LGBTIAQ+ Jugendlichen in unserer Gesellschaft Erprobungsräume wie z.B. Schulen und Vereine etc. wo sie z.B. flirten lernen und erproben, Rollen ausprobieren oder Jugendliche mit der gleichen sexuellen Orientierung kennen lernen können. Stellen sie sich mal vor, als Jugendliche*r eine Person des gleichen Geschlechts anzusprechen. «Hey, willst du mit mir gehen?» Was glauben sie, passiert dann?


2. Ziele

Die offene Kinder- & Jugendarbeit mit LGBTIAQ+ Schwerpunkt des sozialwerk.LGBT+ möchte:

  • LGBTIAQ+ Jugendlichen eine Anlaufstelle zu LGBTIAQ+ Themen und Jugendthemen bieten

  • LGBTIAQ+ Jugendlichen Räumlichkeiten und Angebote mit LGBTIAQ+ Jugendthemen ermöglichen

  • Jugendliche dabei unterstützen, zu selbstständigen, verantwortungsbewussten Erwachsenen zu werden

  • Toleranz und Akzeptanz von Unterschieden fördern, Diskriminierung und Ausgrenzung redu-zieren und verhindern

3. Zielgruppen

3.1 Jugendliche & junge Erwachsene

Die offene Kinder- &